Nach Plan hätten wir in zehn Minuten ankommen sollen, noch ein letzter Blick aus dem Busfenster auf das alte Sägewerk, als plötzlich das Handy klingelte: Matthias.
Die Nachricht, die er uns überbrachte, traf uns mitten ins Herz – wir konnten dieses Jahr nicht im Hammerhof unterkommen. Ein Satz, der in diesem Moment alles veränderte.
Spulen wir zurück…
Oktober 2024 – ein Neuanfang
Wir standen am Anfang von etwas Großem: Die Schneefreizeit wurde ein eigener gemeinnütziger Verein.
Nicht mehr Teil eines großen Trägers – sondern wir, die Menschen, die diese Fahrt liebten, diese Tradition trugen und sie gestalten wollten. Wir standen auf eigenen Beinen!
Zwischen Finanzamt, Notariat und Amtsgericht jonglierten wir Formulare und Ideen. Acht Wochen später stand er: Schneefreizeit Filzmoos e.V.
Ein Name, hinter dem so viel mehr steckte als nur eine Idee – Mut, Freundschaft, Herzblut und der gemeinsame Wunsch, etwas Großartiges für junge Menschen zu schaffen.
In den nächsten Tagen bestätigten wir die zahlreichen Vorab-Anmeldungen und machten alles Weitere, wie den Reisebus oder den Hammerhof, dingfest. Ein Gymnasium aus Köln-Sülz half uns dabei, ein Vortreffen zu organisieren, und der Erste-Hilfe-Kurs für unser Leiterteam wurde gebucht. Alle Zahnrädchen griffen wie ein gut geschmiertes Uhrwerk ineinander, und die Fahrt rückte ohne weitere Überraschungen näher.
Wir waren bereit. Filzmoos konnte kommen!
Abfahrt – neue Umgebung, alte Vorfreude
Freitag, 11.04.2025
Weiden West statt Marienburg, keine schmalen Straßen im Süden von Köln und das Problem mit Parkplätzen war quasi auch gelöst. Die Vorfreude uns ins Gesicht geschrieben, luden wir gemeinsam den Bus ein, brachten das Handgepäck zu unserem Platz im Bus, um uns mit dem magischen Filzmoos-Kreis gebührend von unseren Eltern zu verabschieden. Untergehakt, mit einem oder beiden Beinen gehoben, schworen wir uns auf eine unvergessliche Woche ein.
Dann ging’s los, wir drückten uns aneinander, manche auch übereinander, in den Bus, als würde es etwas gratis geben und wir noch keinen Platz hätten… keine Sorge, wir bekamen alle einen Platz! 😉
Die Eltern winkten, wir winkten zurück – manche mit einem ernsten Gesicht, manche mit einem Grinsen, das verriet: „Jaaaa… wir vermissen euch bestimmt total!“
793 Kilometer vor uns und das Abenteuer begann.
Abfahrt!
Der Anruf
Unser Busfahrer Rudi, der mit uns in Köln gestartet war, tauschte in Montabaur noch einmal mit Mujo, der uns schon viele Jahre begleitete und mittlerweile irgendwie Teil dieser Fahrt geworden ist. Er sollte uns die ganze Woche mit seinem Bus begleiten. Neun Stunden später und 2 km vor Filzmoos klingelte das Telefon, Matthias’ Stimme brach ein wenig, als er sagte:
Ihr könnt dieses Jahr nicht im Hammerhof unterkommen… mein Vater ist soeben verstorben.
Stille.
Das ganze Leiterteam, eben noch voller Vorfreude, saß wie versteinert da.
Es traf uns wie der Blitz… völlig fassungslos, ein wenig verschlafen von der Nacht und doch hellwach durch diese traurige Nachricht. Für uns, aber vor allem für Matthias und Christine, die den Hammerhof für uns alle vorbereitet hatten, war es ein Chaos der Gefühle. Kurzum teilte uns Matthias mit, dass er für uns Platz im Ennshof in Altenmarkt gefunden hatte, auf halbem Weg in die Flachau, wo wir Skifahren. Christine bereitete uns trotz allem ein letztes Frühstück zu, wir nahmen Anteil an der Trauer und wünschten der gesamten Familie eine friedvolle Beisetzung.
Altenmarkt – eine neue Heimat auf Zeit
Etwas überfordert mit den Emotionen machten wir uns auf den Weg nach Altenmarkt. Im Gepäck das gesamte Skimaterial, das Flory, der Skiverleih, uns kurzfristig in Filzmoos noch ausgegeben hatte. Dazu gab uns Christine, die Chefin des Hammerhofs, eine ganze Portion „Kaiserschmarrn viel“ für die gesamte Gruppe mit, und es blieb die Ungewissheit, was der Ennshof für uns bereithalten würde.
In Altenmarkt angekommen, verflog die Unsicherheit beim Kennenlernen von Christian im Nu. Der Ennshof und sein gesamtes Team, das von Christian geleitet wurde, empfingen uns mit einem großen Lächeln. Wir wurden überrascht und bekamen unseren eigenen Essensraum – einen zentralen Ort in der Herberge, der die Gruppe immer wieder zusammenkommen ließ. Insgesamt bietet die Herberge, anders als der Hammerhof, für insgesamt 300 Jugendliche Platz. Es war eine komplett neue Umgebung für uns, gewohnte Abläufe und Strukturen waren nicht mehr vorhanden.
Nachdem etwas Ruhe eingekehrt war, die Zimmer verteilt worden waren und wir eine kleine Führung durch den Ennshof bekommen hatten, wurde uns bewusst, dass wir die Woche auch hier in Altenmarkt wunderbar gestalten konnten. Neben dem eigenen Essensraum gab es eine Sporthalle, mehrere Aufenthaltsräume mit Tischtennisplatten, einen Außenbereich mit Fußball-/Volleyball-/Basketballplatz, eine Feuerstelle und viel Platz, um der Kreativität freien Lauf zu lassen.
Kein Esel, keine Scheune – dafür viel Platz, neue Möglichkeiten und ein Ort, der sich nach wenigen Stunden schon ein bisschen nach Zuhause anfühlte. Das Haus war insgesamt größer, und der Geist von Filzmoos suchte noch seinen Platz.
Der erste Tag verflog im Zuge der Emotionen und Umstrukturierung sehr schnell. Wir fanden uns nach dem ersten Abendessen gemeinsam zu einem Kennenlernen zusammen. Die Stimmung war ausgelassen, unkonventionelle Spiele trafen den Geist der Zeit, und so konnten wir die ersten Bekanntschaften machen. Ein wenig erschöpft und doch völlig zufrieden fielen wir nach der großen Aufregung in die gemachten Betten des Ennshofs.
Die Schneefreizeit auf Skiern und Snowboard
„In 10 Minuten gibt es früüüüüüüüüüühstück!“ – manche Traditionen blieben auch in der neuen Unterkunft gleich. Mit Jause im Rucksack brachte uns Mujo jeden Morgen zur Piste. Das Skigebiet war lediglich 15 Minuten von Altenmarkt entfernt, so konnten wir optimale Pistenbedingungen am Morgen genießen. Nach einem kurzen Warm-up und dem magischen Filzmoos-Kreis – dieses Mal auf der Piste – begrüßten wir den Skitag.
Die Sonne glitzerte auf den Hängen. Frischer Schnee, frische Köpfe, frische Energie. Es konnte losgehen, die Kanten schnitten sich durch die Schneedecke, die ersten Pistenkilometer wurden gesammelt und am Horizont machte die Sonne ihre Runde. Kalte Luft, die in der Nase kribbelte, jemand, der zum ersten Mal den Hang meisterte und strahlte wie die Sonne selbst.
Eine Woche voller Abenteuer
Die gesamte Woche hatte viel zu bieten – von einer Nachtwanderung zur Alm des Bürgermeisters von Filzmoos, einem Fußballturnier, Postkarten-Fotoworkshop, Kreativabend mit Armbändern und Ketten, lustigen Spieleabenden, selbstgemachtem Stockbrot am Lagerfeuer… Lachen, das bis in die Zimmerflure hallt – Augenblicke, die bleiben.
Die zu Beginn der Woche aufgekommene Aufregung war innerhalb weniger Augenblicke verschwunden, und wir spürten, wie alle gemeinsam an einem Strang zogen, diese neue, für uns unbekannte Unterkunft mit Leben füllten und gemeinsam dieses kleine Abenteuer bestritten.
Herausforderungen, die zusammenschweißen
Mittwochs passierte es – eine letzte Abfahrt mit allen zusammen: Lennart stürzte, verdrehte sich das Knie und riss sich unter anderem das Kreuzband.
Schock, Sorgen, Pistenrettung.
Doch er saß am selben Abend wieder bei uns – erschöpft, aber lächelnd – und sagte:
„Ich war überwältigt, wie still es wurde.
Wie sehr sich alle sorgten und wissen wollten, wie es mir geht.
Es tat gut zu sehen, dass alle anderen wohlauf waren und die Gummibärchen und Schokoladen haben natürlich die Schmerzen gelindert – Danke!“
Am nächsten Tag zurück auf der Piste koordinierten die Leiter die Gruppen neu, um den Ausfall im Leiterteam zu kompensieren. Alle waren förmlich gelassen und der Meinung, sich einfach noch zwei tolle Skitage zu machen. Man merkte, wie gut wir zusammengewachsen waren. Ob Tour de Ski, in den Funpark oder einfach die Sonne auf der Piste genießen – für alle war noch etwas dabei. Verletzt hat sich niemand mehr.
Abschied – danke Christian!
Es gelang der gesamten Fahrt, trotz der emotionalen Achterbahn zu Beginn und den neuen Strukturen vor Ort, einem Ausfall im Leiterteam und den steigenden Temperaturen, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Selbst eine Nebelwand am letzten Tag hielt uns nicht davon ab.
Zurück im Ennshof, zurück auf unseren Zimmern, packten wir unsere Koffer, zogen unsere Betten ab und verabschiedeten uns gebührend von Christian und seinem Team.
Gemäß der Tradition, die schon viele Jahre zurückliegt, fuhr der gepackte Bus voraus zur nächsten Post. Die Gruppe ging zu Fuß noch ein letztes Mal durchs Dorf, nahm ein letztes Mal tiefe Atemzüge einer fast lauwarmen Frühlingsnacht und stieg wenig später in den Bus.
Adieu Österreich und Kölle Alaaf – 793 km später waren alle wieder wohlauf zuhause in Kölle angekommen!
Müde.
Glücklich.
Und ein bisschen (zusammen)gewachsen.
Maat et joot, bis nächs Johr – Filzmoos, mer kumme widder!
~Julia, die ewige Mitfahrerin – liebe Grüße auch an Sven!
